mit Pfarrer Ingo Meißner
Lesung: Psalm 118 II
(EG 763.2)
Predigt: Glaube überschreitet Grenzen - Gott sei Dank!
(Apostelgeschichte 16, 9 - 15)
- Predigt als Video: https://youtu.be/twtqN3-P6-A
Lieder:
- FJ2 50: Wunderbar großer Erlöser CCLI-Nr.: 6018696
- EG 398: In dir ist Freude in allem Leide CCLI-Nr.: 5226070
- FJ4 29: Wie tief muss Gottes Liebe sein CCLI-Nr.: 5291108
- FJ2 54: Würdig das Lamm, das geopfert ist CCLI-Nr.: 4327774
- FJ2 108: Kommt an den Tisch seiner Gnade CCLI-Nr.: 5606157
- EG 395: Vertraut den neuen Wegen
CCLi Liedlizenz 5100265
Glaube überschreitet Grenzen
(23. Februar 2025, Pfarrer Ingo Meißner, Evangelische Kirche Steinen)
Mit den Grenzen ist das so einen Sache. Derzeit ist ja eines der umstrittenen Themen global, wie wie wir unsere Grenzen vor unrechtmässigem Zutritt schützen können.
Die Nordamerikaner haben das ja als eines de Haupt-Wahlkampfthema gehabt. Und auch bei uns dominiert die Debatte um offene und geschlossene Grenzen die Zeitungen und die Wahlkampfauftritte der diversen Parteien.
Und es ist nicht einfach, die richtige Antwort zu finden.
Angst vor Grenzüberschreitungen kennen wir aber auch im persönlichen Bereich.
Wo verhalten sich Menschen übergriffig, wo bedrängen mich andere mit Worten und Taten gegen meinen Willen? Wo findet sexuelle Grenzverletzung statt – und wo ist es noch ok?
Unsere Landeskirche hat sich bei dem Thema auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Doch sind wir – auch unsere Gemeinde – nun stark sensibilisiert und kurz vor Abschluss der Überarbeitung bereits bestehender Schutzkonzepte. Vielen leitenden Mitarbeiter haben so schon eine sogenannte „Alle-Achtung-Schulung“ absolviert. Andere tun dies noch.
Grenzen überschreiten hat also heutzutage eher negative Konnotationen, also es schwingt etwas Negatives mit.
Und auch das Bild mit der Schnecke vom Anfang etwas Lustiges, aber auch etwas Mühevolles – oder?
Und vielleicht fühlst du dich im Augenblick eher wie Schnecke, die bemüht mit ihren Begrenzungen kämpft, sich abmüht, um zu neuen Ufern zu gelangen.
Wie du dich auch fühlst – heute soll es um Personen gehen, die Grenzen in verschiedener Hinsicht überschritten haben und hier die Kraft Gottes in besonderer Weise spürten.
Und vielleicht können wir auch etwas für uns heute dabei lernen und uns ermutigen lassen.
Lasst uns also damit starten…
Ich lese den heutigen Predigttext vor. Er steht in der Apostelgeschichte 16,9-15:
Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie.
Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.
Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.
Was haben wir da eben gehört?
Paulus hat in der Nacht eine Erscheinung. Er erkennt darin Gottes Handeln, seinen Ruf nach Mazedonien. Und dann gehen und seine Kollegen gleich los.
Und schlagen dadurch ein völlig neues Kapitel in der Missionsgeschichte auf. Nämlich: Europa kam in den Fokus. Die Überwindung der Kontinentalgrenzen zwischen Asien und Europa.
Paulus war offensichtlich „heiss“ etwas für Gott zu tun und auf ihn zu hören. Er wollte Gottes Plan wissen und richtete sein Handeln danach aus. Er hatte ein offenes, hörendes Herz. Und dann hört – und sieht er sogar.
Gleich nachdem Paulus gehört und gesehen hatte, starten er und seine Begleiter durch - wie ein Rennwagen, kurz nach dem Rennstart. Da ist nichts von: ich muss doch noch erst dies und das erledigen, und dann bin ich parat. Nein sie waren parat.
Paulus war ein Teamplayer und nicht Einzelkämpfer. Wie wir vielleicht manchmal den Eindruck haben könnten, wenn wir von ihm lesen.
Er war mit anderen unterwegs. Mal mit einzelnen Freunden wie Barnabas oder Johannes Markus, mal mit einer ganzen Gruppe von Freunden. Das motiviert und stärkt ungemein, wenn man nicht alleine in Neuland unterwegs ist!
In Philippi angekommen will er in den Gottesdienst. Er findet so einen Ort am nahegelegenen Fluss auf kommt mit Frauen – Männer scheinen nicht dagewesen zu sein – ins Gespräch.
In heidnischen Gebieten – Philippi war eine römisch also heidnisch geprägte Stadt, wenn hier also Juden sich zum zum Gottesdienst trafen, dann in der Regel entweder zu Hause, oder in Freiversammlungen.
Dann gerne n der in der Nähe von Gewässern, damit Juden ihre vorgeschriebenen Waschungen und Reinigungsriten vollziehen konnten.
Warum nur Frauen? In der Diaspora – also der Fremde - waren es häufig eher heidnische Frauen, die zum jüdischen Glauben fanden. Wie auch diese Lydia.
Es war für Frauen auch einfacher, da sie sich nicht beschneiden lassen mussten. Sicherlich ein Judenmissionshindernis für unbeschnittene, heidnische Männer…
Eine der Frauen ist also Lydia, eine Purpurhändlerin.
Ihr Name wird erwähnt, weil sie wohl eine Bekanntheit in Philippi war.
Als Frau war es in heidnischen Gebieten damals leichter möglich eine besondere öffentliche Rolle einzunehmen als im jüdischen Stammland.
Sie war Purpurhändlerin.
Purpur ist ein intensiver rot-violetter Farbstoff, mit dem in der Antike Stoffe und Wolle gefärbt wurden. Purpur ist sehr kostbar und war hauptsächlich den Reichen und Mächtigen vorbehalten.
Purpur kam von der Purpurschnecke: aus einer Drüse tritt eine Flüssigkeit aus, die zuerst weisslich bis grün aussieht, unter Sonneneinstrahlung dann violett oder durch weitere Zusätze auch rot wird.
Gehandelt wurde dann entweder mit dem Farbstoff an sich, oder mit bereits gefärbten Stoffen.
War Lydia eine Singlefrau? Ein Mann wird nicht erwähnt. Auch später nicht. Nur ihre Hausgemeinschaft genannt. Also auch eventuell vorhandene Kinder und Angestellte und Sklaven.
Lydia kommt zum Glauben an Jesus Christus. Und lässt sich als Zugehörigkeitszeichen und als Zeichen des Neuanfangs mit Jesus von Paulus taufen. Und gleich ihre Hausgemeinschaft mit ihr.
Waren das alle Christen? Hatte Paulus auch zu ihnen gesprochen?
Kann sein, muss aber auch nicht sein. Bis ins Mittelalter galt der Grundsatz „cuius regio, eius religio“. Also wer das Sagen hat, bestimmt die Religion seiner Untertanen. Also, wenn der Chef oder Hausherr Christ wird, werden eben alle Christ. Punkt.
War damals anders als heute, wo jeder - zumindest in christlich geprägten Ländern - frei entscheiden kann, welcher Religion oder Gemeinde er angehören möchte.
Paulus und seine Freunde wohnen dann bei ihr für eine gewisse Zeit, verkündigen weiter Jesus Christus, bis sie dann weiter ziehen.
Soweit die Geschichte.
Paulus überschreitet in dieser Geschichte mindestens drei Grenzen.
Die Grenze zwischen Kontinenten und Kulturen
Die Grenze zwischen gesellschaftlichen Normen
Die Grenze zwischen seinen persönlichen Begrenzungen und den Möglichkeiten Gottes.
Zunächst Die Grenze zwischen Kontinenten
Paulus bringt das Evangelium auf den europäischen Kontinent - Mazedonien, Griechenland, Rom…
Er überschreitet damit Heimat- und Kulturgrenzen, um möglichst viel zu erreichen.
Er hat ein Herz für Jesus, für Menschen seiner jüdisch geprägten Kultur, aber grundsätzlich auch für alle Heiden, wo er Offenheit für das Evangelium spürt.
Dieses Herz, diese Berufung in eine bestimmte Situation und zu bestimmten Menschen war und ist immer noch der zentrale Schlüssel, dass Menschen überhaupt mit der frohen Botschaft von Jesus Christus - Friede, Gemeinschaft und Versöhnung mit Gott - erreicht werden können.
So wie in der Mission im Ausland auch heute noch. Auch unsere Gemeinde hat hier einen Bezug. Christa Härdle, aus unserer Gemeindeleitung, war lange Jahre in Thailand als Missionarin. Oder Monika Bruttel, die vor kurzem im Gottesdienst in Margarethen war, verbrachte viele Jahre in Japan. Oder Michelle Grötzinger, oder jetzt neue Familie Frei, von OMF, die wir finanziell unterstützen.
Heute findet aber auch noch viel Inlandsmission statt: die bekanntesten sind vielleicht die sogenannten „Stadtmissionen“, die es sogar im Titel haben, oder die „Heilsarmee“ (Slogan: Suppe, Seife Seelenheil) mit vielen Standorten. Oder die Bahnhofsmission. Oder, oder, oder.Stadtmission Lörrach,
Stadtmission Freiburg, Berliner Stadtmission. Wir kennen die Namen.
Oder Mission an Menschen hier in Deutschland findet durch zahlreiche Einzelprojekte von Gemeinden statt, wo wir die Bedürfnisse der Menschen vor Ort Ernst nehmen und versuchen ihnen die Liebe Christi durch Wort und Tat nahe zu bringen.
Das ist uns auch in unserer Gemeinde wichtig. Verkündigung. Botschaft und Tat gehören dabei zusammen.
Denn: Wer nur ein Programm durchzieht, weil es halt eben keinen anderen gibt, der es macht, aber keine Liebe zu den Menschen hat, läuft ins Leere, weil die Menschen es spüren, ob das Interesse echt oder nur gespielt ist.
Oder, wer begeistert ein Programm durchführt, aber nie über Jesus Christus sprechen möchte und warum er es gerne macht, ist ein zumindest nicht ganz Klares Zeugnis von Jesu Liebe für die Menschen.
Und umgekehrt gilt: nur über Jesus reden und was andere Menschen tun sollen, aber das eigene Leben spricht jedoch dagegen, es wird nicht durch Taten deutlich, dass Jesus in uns lebt, dann sind wir auch ein Schwaches Zeugnis in dieser Welt. Dann stimmt die Kritik von Nietzsche damals: „die Christen müssten eigentlich erlöster aussehen“.
Weiter: Paulus überwindet die Grenze zwischen gesellschaftlichen Normen. Spezieller: zwischen den Geschlechtern, und Frauen bekommen durch den Glauben eine für damalige Zeit revolutionäre eigene Würde zugesprochen.
Paulus lernt ja immer am Beispiel Jesu, Jesus, der auch Frauen in seiner Nachfolge hatte.
E
r wusste: Der Mensch ist vor Gott gleichwertig. Mann und Frau haben zwar verschiedene Aufgaben, aber in den Augen Jesu gibt es eben keine Wert-Unterschiede mehr!
So kann Paulus mit Frauen, aber auch mit Sklaven, und egal welchen Personengruppen über Jesus ins Gespräch kommen.
Diese Grundüberzeugungen und sein Grenzüberschreitendes Verhalten führen zu einer sehr diversen Gemeindezusammensetzung: Männer, Frauen, Arme, Reiche, Jugendliche, Kinder, Juden, Heiden, Einheimische, Ausländer. Alle in den Augen Jesu auf der gleichen Stufe.
Was für eine Revolution in einer von Ständen und Rollenbildern geprägten Welt!
Es war auch nicht immer einfach, hier den Zusammenhalt zu schaffen und keine Grüppchenbildung zu haben. Kennen wir ja aus den Briefen des Paulus, wo er auf entsprechende Missstände hinweist.
Wollte Paulus damit ein Sozialrevoluzzer sein? Nein.
Ausserhalb der Gemeinde sollten sich alle „normal“, also gesellschaftlich entsprechend der damals geltenden Normen angepasst, verhalten. Die Frau unter dem Mann, Die Kinder unter den Eltern, Die Jüngeren unter den Älteren und die Sklaven unter den Herren.
Damit sie mit ihrem Verhalten gesellschaftlich nicht anecken und die Verkündigung der Botschaft dadurch eher gehindert als gefördert wird.
Und schliesslich noch die dritte Grenzüberschreitung:
der Grenze zwischen Paulus und unseren Begrenzungen und Gottes Möglichkeiten
Paulus hatte mit persönlichen Begrenzungen zu tun.
Er war zwar studierter Theologe, der sich in der Bibel sehr gut auskannte. Der auch gut schreiben konnte. Aber anscheinend auch Schwächen im Vortrag hatte.
Wenn in einer Gemeinde ein junger Mann, der bei der Predigt im Fenster sass, einschläft und dann aus dem Fenster kippt. Naja, gibt vielleicht bessere Redner… Oder es war einfach zu lang. Oder eine Mischung von beidem.
Oder wenn seine Kritiker sagen (2 Kor 10:10) „Denn seine Briefe, sagen sie, wiegen schwer und sind stark; aber wenn er selbst anwesend ist, ist er schwach und seine Rede kläglich.“
Oder sein „Pfahl im Fleisch“, wie er einmal sagte, ihm immer wieder zu schaffen macht - eine Krankheit, die ihn immer wieder plagte und Gott ihn trotz Heilungsgebeten nicht heilte.
Doch Gott gebrauchte ihn mit seiner Schwäche, machte ihn wirkungsvoll - weil er sich gebrauchen lassen wollte.
Gott gibt ihm dann das, was braucht, um seinen Dienst ausüben zu kennen.
Und für uns heute:
Was könnten wie nicht alles in Gottes Reich bewegen, wenn wir unsere Komfortzone verliessen und ein für uns neues Feld beackern würden? So wie Paulus grenzübeschreitend wirkte?
Wenn wir Gott fragen, ihn zu uns reden lassen, uns unseren Missionsplatz zeigen lassen wollen. Und dann rausgehen - idealerweise gemeinsam mit anderen - so wie Paulus im Team! Damit wir uns gegenseitig ermutigen, stärken können, miteiander im Gebet…?
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ heisst es in einem Psalm (18,30).
Ja, mit meinem Gott kann ich auch meine persönlichen Begrenzungen überwinden. Körperlich wie zeitlich. Und mich von ihm gebrauchen lassen.
Wir müssen es nur wollen.
Und dann eben rausgehen zu den Menschen in unserem Umfeld. Sie in die Nachfolge Jesu einladen. Mit Worten und Taten.
In Steinen Kernort, in Höllstein, in Hüsingen, Hägelberg und eben auch an sonst anderen Orten, wo wir leben und tätig sind.
Und dann einmal hoffentlich staunen dürfen, wie auch in unserem Umfeld Neues, Großes entstehen. Zur Ehre Gottes!
Amen