Sonntagsgottesdienst mit Abendmahl in der Petruskirche Steinen
mit Pfarrer Ingo Meißner
mit Pfarrer Ingo Meißner
Lesung: Psalm 31
(nach EG 715.1)
(nach EG 715.1)
Predigt: Hiob und die Frage nach dem Leid
Lieder:
- FJ6 150: Nur durch Christus in mir CCLI-Nr.: 7129715
- FJ5 83: So bist nur du (Wasser wird Wein, Blinde sehn) CCLI-Nr.: 5906981
- FJ6 61: Jesus, meine Hoffnung, lebt CCLI-Nr.: 7116987
- EG 440: All Morgen ist ganz frisch und neu CCLI-Nr.: 4897857
- EG 171: Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott
CCLi Liedlizenz 5100265
Wenn Sie gerne unser Live-Stream-Angebot finanziell unterstützen wollen, können Sie gerne folgende Bankverbindung verwenden:
IBAN: DE02 6835 0048 0001 1144 79
Verwendungszweck "Videotechnik"
Vielen Dank!
IBAN: DE02 6835 0048 0001 1144 79
Verwendungszweck "Videotechnik"
Vielen Dank!
Predigt zu: „Hiob und die Frage nach dem Leid“
(15. Februar 2026, Pfarrer Ingo Meißner, Evangelische Kirche Steinen)
Das war ein Mensch, mit Namen Hiob. Der wohnte im Lande Uz. Irgendwo südlich des heutigen Toten Meeres. Dieser Hiob war verheiratet, hatte Söhne und Töchter. Und war reich. Stinkreich. Hiob hätte nach heutigen Massstäben sicherlich etliche Villen an prominenten Orten, einen Privatjet, mindestens eine Superyacht und eine gediegene Sammlung von Luxusautos Und besässe vielleicht auch noch einen Fussballclub.
Reichtum in der Zeit des Hiobs hiess: 7.000 Schafe, 3.000 Kamele, 500 Joch Rinder, 500 Eselinnen und viele Angestellte und Diener. Es heisst von ihm, er sei der reichste Mann im Osten gewesen.
Hiob lebte ein Leben im Überfluss. Und Hiob lebte ein Leben im Bewusstsein, wem er alles zu verdanken hat: Gott. Er lebte nach dem Willen Gottes und tat wissentlich nichts Böses. Ein Mann nach dem Herzen Gottes. Wie vor und nach ihm vermutlich nur wenige gab. Ein ganz besonderer Mensch.
Und dann das, was Hiob, aber auch viele Menschen bis heute in ihrem Glauben an Gott zutiefst erschütterte: Gott lässt zu, dass sein Hiob, sein treuer Nachfolger, der ohne Fehl und Tadel war, tiefes Leid erfährt.
Hiob verliert zunächst seine Kinder und seinen Reichtum durch Unwetter und kriegerische Attacken. Das ist allein Leid für mehrere Leben. Sein Leben begann sich verdunkeln. Er trauerte, doch Hiob wurde nicht bitter gegen Gott: er sagte den bekannten Satz (Hiob 1,21f.): «Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen. Der Name des Herrn sei gelobt.» Und weiter heisst es: «Im diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott». Unglaublich. Hiob knickte nicht ein und blieb seinem Gott treu. Auch im Leid.
Doch es wurde noch schlimmer: Wir lesen von schmerzhaften Geschwüren an seinem Körper (2,7; 2,13; 30,17), die eiterten und von Würmern befallen waren (7,5), Abmagerung und Zahnausfall (19,20), Schlaflosigkeit (7,4), hohes Fieber (30,30), Wahnvorstellungen (7,14). Nicht wirklich vorstellbar, was er durchmachte. Er muss so schlimm ausgesehen haben, dass sogar seine Freunde ihn kaum erkannten (2,12).
Es war nun dunkel um ihn und seinen Geist. Unermessliche Verluste in seinem Leben. Seine Kinder, sein Reichtum, seine Gesundheit – alles dahin. Tiefer Schmerz, tiefes Leid. Er befand sich nun endgültig in der tiefsten Nacht seines Lebens.
Und ihn und auch uns bis heute noch bewegen viele Fragen im Zusammenhang mit Leid. So z.B.: Wie kann Gott – unser liebender, barmherziger, menschenfreundlicher Gott – das zulassen? Warum muss der Gerechte, auch der Christ, der an Gott glaubt – überhaupt leiden? Oder: Wenn es schon Leid irgendwie gibt – warum kann Gott nicht schneller Abhilfe schaffen, wenn er darum gebeten wird?
Heute spreche ich über uns. Wenn das Leid uns persönlich trifft. Auf welche Weise kann persönliches Leiden – auch für uns Christen - auftreten?
Allein schon der Alterungsprozess ist ja an sich schon etwas, woran viele Menschen leiden. Es geht alles immer langsamer. Die Kräfte lassen nach: körperlich wie geistig. Damit umgehen zu müssen ist nicht immer einfach und kann grosse Trauer und Schmerz auslösen. Wir sind eben endlich.
Einige von uns kennen das Leid, wenn eine Partnerschaft nicht gelingt, eine Ehe auseinander geht. Dies ist ein sehr schmerzhafter Prozess, dessen Heilung lange Zeit in Anspruch nehmen kann.
Oder wir leiden an einer Krankheit. Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Heuschnupfen ist da eine vielleicht noch leichtere Form. Aber auch hier leiden wir.
Nicht zu reden von Dingen wie Depressionen, Krebs oder schweren Unfallfolgen.
Das Leid kann auch in Gestalt von Arbeitsplatz- oder Studienplatzverlust daherkommen.
Oder wir leiden an uns selbst: weil unser Körper oder unsere Persönlichkeit nicht so ist, wie ich es gerne hätte. Zu hart, zu weich, zu stolz, zu feige, zu ruhig, zu vorlaut, zu wenig Muskeln, zu viel Fett, nicht schön genug und und und.
Oder wir leiden als Menschen aneinander. Andere erfüllen unsere Erwartungen nicht. Wir werden enttäuscht oder verletzt. Wir enttäuschen andere. Wir werden vielleicht sogar gemobbt, an die Seite gestellt und gar nicht beachtet.
Es gibt viele Formen, in den Leid und Schmerz heute auftreten können. Und ist verfehlt hier eine Leid-Skala von «ist doch nicht so schlimm» bis hin zu «absolut unerträglich» aufzustellen. Jedes empfundene Leid, ist für den Betroffenen schwer.
Die meisten von euch haben sicherlich auch schon einmal das Gefühl gehabt, dass es nicht mehr hell um sie herum ist. Alles nur noch dunkel und grau. Oder befinden sich gerade mitten in dieser Dunkelheit der Gefühle.
Wie ist das da mit Gott? Warum kommt Leid überhaupt vor? Auch bei uns Christen?
Hier gibt es verschiedene Antwortmöglichkeiten.
Eine mögliche Antwort auf die Frage nach dem Leid ist: Leid ist gewissermassen Teil unserer Welt, in der wir uns befinden. Wir leben nicht mehr im Paradies. Wir haben es verloren.
Und die Folge ist, dass Christen wie Nichtchristen unter Mühsal, Leid, Schmerz und Krankheit leiden. Auch der Apostel Paulus weiss um diese Tatsache und schreibt ganz unverblümt in Römer 8,20f,): «Ohne eigenes Verschulden sind alle Geschöpfe der Vergänglichkeit ausgeliefert, weil Gott es so bestimmt hat. Aber er hat ihnen die Hoffnung gegeben, dass sie zusammen mit den Kindern Gottes einmal von Tod und Vergänglichkeit erlöst und zu einem neuen, herrlichen Leben befreit werden. Wir wissen ja, dass die gesamte Schöpfung leidet und stöhnt wie eine Frau in den Geburtswehen.“
Offensichtlich passiert es – und es gibt keine vernünftige Erklärung für alle Situationen.
Klingt aber irgendwie frustrierend – oder? Zu sagen: naja, es ist halt wie es ist. So ist halt diese Welt. Das ist irgendwie unbefriedigend.
Eine weitere mögliche Antwort auf die Frage nach dem Leid ist: Ja, es gibt Leid, woran ich eine Mitschuld trage.
Wir Menschen sind häufig unbarmherzig, rachsüchtig, neidisch, wollen Macht ausüben und vieles mehr. Das verursacht dann Leid.
Oder, wenn ich Dinge tue oder unterlasse und als Folge dessen Leid in mein Leben kommt. Wenn ich gegen Gesetze verstosse, meinen Körper und Geist bewusst schädige (Alkohol, Kaffee oder andere Drogen). Wenn ich Menschen verletze, unbarmherzig vernachlässige und ich dann irgendwann die Retourkutsche bekomme.
Aber Dinge wie Krankheit, Unfall, überraschender Tod oder auch wenn Menschen mit Behinderung durchs Leben gehen – hier versagen meist alle Erklärungsversuche. Und Fragen bleiben: warum lässt Gott so vieles zu? Warum verhindert er es nicht wenigstens? Auch bei Menschen, die wie Hiob eng mit Gott unterwegs sind?
Hiob kann es auch nicht verstehen. Er weiss nicht, warum es ihn trifft. Fühlt sich grundlos ins Leid gestossen. Er sagt: «Ich bin unschuldig» (Hiob 9,21.35).
Wieder eine andere Antwortmöglichkeit auf die Frage nach dem Leid ist: Manchmal kann ich im Rückblick erkennen, warum Gott Leid im eigenen Leben zulässt.
Man dann sagen kann: ich habe das und jenes gelernt. Bin ich gar durch die Schule Gottes gegangen und gereift. So wie z.B. ein wunderschöner Diamant erst durch lange Zeit und viel Druck zu dem Juwel wird, der er ist. Auch Jakobus schreibt darüber in seinem Brief ausführlich im ersten Kapitel: das Leid sei eine Anfechtung, der es im Glauben an Gott zu begegnen gilt. Im Leid, in der Anfechtung bewährt sich Glaube.
In der Anfechtung, in Bedrängnis zeigt sich, wie tief der Glaube gegründet er ist (Jak 1,2-12). Und reift und wächst in die Tiefe.
Auch der Apostel Paulus schreibt dazu (Röm 5,3-5): «Bedrängnis bringt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.»
Vor etwas über 10 Jahren hatte mit Burnout zu tun. Die Energie war weg. Wie der Stecker gezogen. Ja, es war nicht einfach sich selbst und anderen einzugestehen, dass meine Kraft endlich ist. Dass es ein «zuviel» gab und ich nicht mehr konnte. Doch hatte genau diese Zeit, wo ich auch in Klinik viel Zeit mit mir selbst und Gott hatte, mich neu ins Lob Gottes geführt. Ins Staunen darüber, dass er mich sogar vor Schlimmerem bewahrt hat und ich nicht völlig mit Nervenzusammenbruch abstürzte.
Er nahm mich im Bild gesprochen bei der Hand, zeigte mir beim Bibellesen, im Gebet und auf Wanderungen, wie grossartig er ist. Dass er mich sieht und mein Leben in der Hand hat. Und die Gewissheit wuchs: er ist auch in dieser Zeit nicht weit entfernt, sondern mitten dabei und führt und trägt mich hindurch.
Ich habe viel lernen dürfen: in Punkto Achtsamkeit mit mir selbst, Hören auf Gott, Barmherzigkeit mit mir selbst und anderen, Demut, dass meine Kraft und Erkenntnis endlich ist und vieles mehr. Für mich wurde diese Zeit eine Reifungszeit.
Was half und hilft mir immer noch in Situationen, wo es dunkel in meinem Gemüt wird?
Ich hielt und halte weiter daran fest: Gott ist gut. Auch wenn ich es mit meinen Gefühlen nicht immer fassen kann. Es nicht verstehe, warum jetzt dies oder das passiert.
Ich halte aber trotz Leid dann wie mit Hiob mitten im Leid daran fest und bekenne: «ich weiss, dass mein Erlöser lebt» (Hiob 19,25). Auch wenn ich ihn nicht wirklich immer verstehe. Warum geht Gott so hart mit «seinem» Hiob um? Warum lässt er Leid zu? Hier verstehe ich Gott nicht.
Doch statt bei diesen Fragen stehen zu bleiben, die mich immer weiter runter den Strudel der Dunkelheit und Verwirrung ziehen, sehe lieber auf den Gott, wie er sich in Jesus Christus zeigt.
Voller Liebe, voller Erbarmen. Der für mich gelitten hat. Für mich leidet. Und klammere mich gewissermassen am Kreuz fest und vertraue darauf: im letzten wird Gott mich halten und tragen.
Weil er es zugesagt hat. Er mich bis ins hohe Alter tragen möchte (Jes 46,4). «Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.» Er will und wird sich kümmern.
Was hilft mir noch?
Ich teile mit anderen meine Erfahrungen. Sage ihnen, wie es mir geht. Ich erwarte dabei keine wie auch immer geartete Lösungen. Einfach zuhören, für mich beten lassen. Sich von anderen getragen wissen.
Hast du auch solche Menschen, die einfach mit dir leiden, dich darin begleiten, ohne gleich mit tausend Ratschlägen zu kommen?
Dieser Weg hin zu dem Bewusstsein, dass ich auch in meiner Dunkelkammer nicht allein bin, dass das nicht das letzte Wort über meinem Leben gesprochen ist, ist eben ein Weg.
Und braucht Zeit. Zeit des Ausharrens. Zeiten, wo wir Gott nicht immer hören, ihn nicht verstehen und an uns und ihm teilweise verzweifeln. Es gibt nicht immer diese schnellen Lösungen: ein Gebet und schon ist alles wieder in Butter. Ja, manchmal ist Gott gut und es zeigt sich schnell, wie er Situationen zum Guten verändern kann. Doch so häufig ist der Weg des Ausharrens, des Wartens, das, was wir häufiger erleben.
So wie bei Hiob. Wir wissen nicht, wie lange seine Leidenszeit dauerte. Manche Ausleger reden von 2 Jahren. Vielleicht auch länger.
Geduldig sein, warten, aushalten können. Auf Gottes Zeit. Das ist vielleicht eine DER grössten Herausforderungen unserer Zeit, wo alles nicht schnell genug gehen kann.
Geduldig sein, auf Gott warten können, ausharren können ist ein Thema, was sich immer wieder in der Bibel findet. Wenn Menschen sich mitten in der Dunkelkammer befinden.
Vorhin haben wir den Psalm 31 gehört. David klagt Gott sein Leid. Aber in der Herausforderung bekennt er: «du bist mein Fels. In deinen Hände befehle ich meinen Geist.
Trotz allem: ich hoffe auf dich, ich will ausharren und ich spreche es aus: du bist mein Gott. Meine Zeit steht in deinen Händen.
Das mit Ausharren und Gott trotzdem loben, ist jetzt noch keine völlig befriedigende Antwort auf die Frage nach dem persönlichen Leid.
Auch bei Hiob gibt es eigentlich keine völlig befriedigende «Lösung».
Gott zeigt Hiob aber letztlich auf, wie gross er ist, wie er Herr über alles in der Welt ist, wie er der Urheber hinter allem ist. Seine Majestät wird deutlich. Und Hiob wird angesichts der Grösse Gottes ganz demütig.
Hiob bekennt dann angesichts der Schöpfung und Gottes Reden: ja Herr, dich kenne ich nun. Du bist der Herr der Herren. Es tut mir leid, dass ich das nicht gesehen habe. In Worten der Bibel heisst das (Hiob 42,5): «Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.»
Er gibt Gott alle Ehre im Leid. Lobt ihn trotzdem.
Und Gott ist gut und erstattet Hiob alles zurück und er hat noch mehr als zuvor. Hiob tritt aus der Dunkelkammer ins Licht hinaus. Es wird hell um ihn herum. Er bekommt neue Kraft. Er merkt: Gott ist treu. Immer.
Das ist dann sozusagen die «Lösung», die das Hiobbuch uns anbietet: Gott ist Gott. Wir sind seine Geschöpfe. Er hält alles in seiner Hand. Dich und mich. Es geht nichts an ihm vorbei. Auch nicht dein und mein persönliches Leid.
Und manchmal kann es einfach heissen, sich in Geduld zu üben. Auszuharren. Ihn trotzdem Loben. Auch mitten im Leid. Und dann trotz Leid die Erfahrung machen: er gibt Kraft und Stärke. Er trägt mit und durch. Weil er ist treu.
Amen